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Achtsamkeitskurs - Woche 4

Einladung zum Glücklichsein

"Einladung zum Glücklichsein? Das kann doch nur jemand sagen, der keine Ahnung vom richtigen Leben hat. Das Leben ist oft genug nur schwer auszuhalten und gewisse Dinge, will ich einfach nicht so haben, wie sie sind. Also muss ich dagegen ankämpfen, um doch noch irgendwie zum Erfolg zu kommen. Außerdem bin immer ich diejenige, die sich um alles kümmern muss. Ich mache und tue. Und wer sorgt sich um mich. Vielleicht ist das Leben nicht dazu gedacht glücklich zu sein. Und wenn ich es dann mal bin, dann passiert etwas und vorbei ist es mit dem Glück. Offensichtlich muss man immer darauf vorbereitet sein, dass etwas Schlimmes passiert....."

 

So ähnlich war mein innerer Dialog, als ich an einem schönen Herbsttag unter meiner Lieblingseiche über den Hügeln von Reisen saß. Gefrustet. Ich fühlte mich vom Leben ungerecht behandelt. Mist. "Hey", sagte da eine Stimme, "wenn du jetzt mal einen Rotstift nimmst und in deinem Gedankentext alle muss rot unterstreichst, was glaubst du, auf wie viele muss du kommst?"

Müssen darf gestrichen werden

Das kleine Wörtchen "muss" hat eine unglaublich große Wirkung auf unser Denken und Handeln. Nachdem der gute Engel mir die Frage nach der Muss-Anzahl gestellt hat, habe ich mich auf die Suche nach meinen täglichen "muss" gemacht. Wahnsinn, wie oft ich dieses Wort verwendete. "Sorry, ich muss jetzt nachhause und kochen." Ein gern genommener Satz, mich aus unliebsamen Begegnungen mit langweiligen Gesprächspartnern zu lösen. Oder dieser: "Ach, joggen muss ich heute auch noch!" - Aha....

 

Muss schützt uns davor ehrlich zu sein und die volle Verantwortung für unser Handeln zu übernehmen. Wir können so tun, als seien wir von einer höheren Macht, auf die wir keinen Einfluss haben, zu etwas gezwungen. Muss setzt uns auch unter Druck. Wir praktizieren durch dieses kleine Wörtchen einen nicht wohlgemeinten und nicht wertschätzenden Umgang mit uns selbst. Wir verwehren uns glückliche Momente. Muss ist wie eine Droge. Alle verwenden sie. Muss ist gängig. Wer nicht muss, ist nicht gesellschaftsfähig.

Eine ganze Woche ohne "MUSS"

Gehen wir also in unsere 4. Woche des Achtsamkeitskurses mit der Aufgabe, auf unsere Wortwahl zu achten. Und zwar im äußeren sowie im inneren Dialog. Achte darauf, wie du mit dir sprichst. Beginne damit, deine täglichen "muss" zu zählen. Ersetzte sie in den folgenden Tagen z.B. mit den Worten "Ich darf..." und "Ich will...", und beobachte, ob es einen Unterschied für dich macht. Nachdem du das für zwei Tage geübt hast, gehe einfach einmal auf ein Muss-Fasten. Lasse für den Rest der Woche, also bis zum nächsten Freitag, alle "muss" weg. Wenn du ein "muss" dabei erwischst, wie es sich heimlich einschmuggelt, sage gedanklich oder laut "upps" und ersetze es durch wohlwollende Worte deiner Wahl.

Muss-Meditation

Was macht das Wörtchen muss mit dir? Nimm dir jeden Tag ca. 5 Minuten Zeit und betrachte "muss" ein wenig genauer.  Setze dich dazu in aufrechter Position auf einen Stuhl. Deine Beine sind leicht geöffnet und die Füße stehen flach auf dem Boden. Halte Rücken und Nacken gerade. Deine Hände ruhen sanft auf deinen Oberschenkeln. Stimme dich auf deine Muss-Meditation ein, indem du Nadi Sodhana, die Wechselatmung, machst. Der Daumen deiner rechten Hand hält sanft das rechte Nasenloch zu. Zeige- und Mittelfinger sind angewinkelt. Ring- und kleiner Finger sind ausgesteckt. Tief durchs linke Nasenloch einatmen. Kurz vor dem Ausatmen den Ringfinger an das linke Nasenloch halten und rechts ausatmen. Dann rechts einatmen und links ausatmen, dann links einatmen und rechts ausatmen. Bei jeder Einatmung zähle bis vier. Halte die Luft vor dem Ausatmen kurz an und atmen auf acht Zähler aus. Diese Atmung hilft übrigens enorm gut und schnell gegen Stress und Panikattacken.

Für die Muss-Meditation sorgt es für eine ruhige und ausgeglichene Geisteshaltung. Nach etwa 2 Minuten kehre zu einem entspannten Atem zurück, schließ deine Augen und lasse das Wort "müssen" vor deinem geistigen Auge erscheinen. Lass das Wort eine Gestalt annehmen. Frage es, welche Farbe es hat und achte darauf ob ein Gefühl zu diesem Wort in dir entsteht. Möglich, dass du auch eine Geruch dazu wahrnimmst, oder Szenen aus deiner frühen Kindheit auftauchen. Nimmer wahr. Nach etwa 3 Minuten tauche mit ein paar tiefen Atemzügen wieder aus deiner Muss-Meditation auf und schreibe auf, was du  beobachtet hast.

Der Kreis der neunundneunzig - oder: lass uns öfter "ja" sagen

Da wir uns in dieser Woche dem Glücklichsein zuwenden und die versprochene körperliche Bewegung auf nächste Woche verschieben, gibt es eine kleine Geschichte aus einem wundervollen Buch von Jorge Bucay "Komm, ich erzähl dir eine Geschichte". In dieser Gesichte geht es darum, dass wir nie wirklich zufrieden sind. Vor allem dann nicht, wenn wir grade ein wirklich großes Problem gelöst haben und eigentlich durchatmen könnten. Also wir haben Probleme, wenn wir keine Probleme haben. Weil ohne Probleme... ja, was dann. Such dir einen gemütlichen Ort und lausche der Geschichte eines klassischen Märchenkönigs, der alles haben kann was er will und trotzdem nicht glücklich ist. Nimm deine Erkenntnis aus dieser Geschichte mit in die nächste Woche.

 

Und am nächsten Freitag hören oder lesen wir uns wieder. Dann aber mit etwas mehr Bewegung.